Ich möchte gerne mal wieder etwas aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse vorstellen.
In einer
Studie aus den Niederlanden finden sich u.a. folgende Antigen-Kartierungen der SARS-CoV-2-Varianten.
grafik.png
Die Karte zeigt die verschiedenen Varianten (Kreise) und ihre „Ähnlichkeit“ in den Oberflächenstrukturen (Antigene). Je näher zwei Varianten stehen, umso ähnlicher sind sie sich.
Die kleinen Quadrate repräsentieren das Serum mit Antikörpern von Patienten, die mit SARS-CoV-2 infiziert waren. Die Farbe entspricht der infizierenden Variante, die Platzierung der Neutralisierungsfähigkeit der gebildeten Antikörper gegenüber den verschiedenen Varianten.
Klar erkennbar ist die Clusterbildung. Alle Varianten – außer Omikron – liegen eng beieinander. Und entsprechend gut können die Antikörper auch alle Varianten (von „sehr gut“ bis „noch ganz gut“) neutralisieren.
Erfolgte die „Infektion“ nicht mit dem Virus, sondern durch einen Impfstoff, sieht das Ergebnis ganz ähnlich aus (mRNA-1273 = Moderna, BNT162b2 = BioNTech, AZD1222 = AstraZeneca).
grafik.png
Auch die „am weitesten“ vom Urtyp entfernten Varianten Beta und Delta sind noch nah genug, dass die Impfung gut gegen sie immunisiert.
Ganz anders sieht es für Omikron aus. Hier haben wir eine echte Immun-Escape-Variante. Sie ist „so unterschiedlich“ zu den anderen Varianten, dass die Immunabwehr sie nicht mehr gesichert als „gleichen Virustyp“ erkennt. Die Virologen und Immunologen sprechen hier von einem anderen Serotyp.
Verschiedene Serotypen bei einem Virustyp sind jetzt nichts Ungewöhnliches. So gibt es beim Dengue-Virus beispielsweise vier Serotypen. Wer sich mit Typ 1 infiziert, wird sich nicht erneut mit diesem Typ infizieren – kann dies sehr wohl aber noch mit den Typen 2 bis 4.
Was heißen diese Erkenntnisse jetzt für die Praxis? Bis jetzt sind wir mit unseren mRNA-Impfstoffen, die gegen den Urtyp entwickelt wurden, recht gut zurechtgekommen. Die Wirkung gegen alle Varianten war (zumindest gegen schwere Erkrankungen) hinreichend gut, sodass beispielsweise eine Anpassung an Delta keinen großen Vorteil gebracht hätte.
Mit Omikron als neuem Serotyp – oder auch erster Variante eines neuen Serotyps – ist es jetzt aber an der Zeit, die Impfstoffe anzupassen. Und genau das geschieht ja bereits seit einem Monat.
Jetzt ist nicht unbedingt davon auszugehen, dass „Delta & Co“ (also die Vertreter des ursprünglichen Serotyps) komplett verschwinden. Wer also sagt „gut, dass ich mich bis jetzt nicht habe impfen lassen – ich warte dann mal auf die an Omikron angepasste Version“ zieht vermutlich den falschen Schluss aus der aktuellen Situation. Für eine Immunisierung wird man künftig wohl gegen beide Serotypen geimpft sein müssen.
Für die, die heute bereits geimpft sind, genügt dafür wohl eine weitere Dosis mit dem angepassten Impfstoff. In der „Version 2.0“ werden die Impfstoffe dann vermutlich als Mehrfachimpfstoff gegen beide Serotypen angeboten.
Ist das das Ende der Entwicklung? Möglich, aber nicht sicher. Vielleicht gibt es künftig weitere Varianten innerhalb des neuen Serotyp-Clusters. Vielleicht, wenn dann mal die Mehrzahl der Bevölkerung auch gegen den neuen Serotyp immun ist, bildet sich auch noch einmal ein neuer Serotyp – was dann eine erneute Anpassung und Impfrunde bedeuten würde.
Aber irgendwann gehen dem Virus auch die Mutationsmöglichkeiten aus – und spätestens dann haben wir den finalen endemischen Zustand erreicht. Mit Glück schon mit Omikron (oder einer Variante des gleichen Serotyps) im nächsten Winter.