Es ist ganz interessant, Informationen aus Großbritannien zum aktuellen Omikron-Geschehen zu verfolgen. Es ist klar - und die Verfasser schreiben dies auch ausdrücklich - dass es sich hier aktuell um Momentaufnahmen handelt und es für gesicherte Ergebnisse noch deutlich zu früh ist.
Interessant ist allerdings, dass sich im Großraum London wohl, nach dem fast explosionsartigen Anstieg der Omikron-Fälle, jetzt das Wachstum stabilisiert hat. Es ist weder klar, ob dies ein dauerhafter Zustand ist, noch woran es genau liegt. Es ist auszuschließen, dass es sich bereits um die natürliche Sättigung handelt (= alle infizierbaren Personen sind bereits infiziert und für eine erneute Infektion immun). Möglicherweise hat es aber mit Clustereffekten (d.h alle infizierbaren Personen in einem Cluster (z.B. eine Freundesclique) wurden bereits infiziert und das Virus hat es jetzt schwerer, die Clustergrenzen zu überschreiten und in neue Cluster zu springen) zu tun.
Am wahrscheinlichsten ist aber, dass die Maßnahmen zur Kontaktreduktion - egal, ob angeordnet oder von der Bevölkerung "natürlich" als Schutz vollzogen - sich auswirken.
Dazu kommt auch die Ausbreitungsgeschwindigkeit von Omikron. Diese ist wohl deutlich höher als bei Delta. Während man bei Delta eine Fallverdoppelung nach rund 5 Tagen hatte, liegt dieser Wert bei Omikron wohl bei unter 3 Tagen. Gründe könnten sein, dass Omikron eher in den oberen Atemwegen repliziert, es damit dort eine höhere Viruslast gibt und eine Person bereits früher die kritische Viruslast erreicht, bei der sie andere (leicht) infizieren kann. Aber wie gesagt: auch hier noch viel Spekulation.
Aber das führt - und dazu muss man kein Virologe sein, da reicht es, im Mathematik-Grundkurs aufgepasst zu haben - dazu, dass die Exponentialkurven bei Omikron viel steiler verlaufen. Das schöne an diesen Exponentialverläufen: das gilt nach oben, aber auch nach unten.
Wenn die Menschen jetzt also konsequent Neuinfektionen verringern (durch Kontaktbeschränkungen, Schutzmaßnahmen und Boosterung), fallen die Zahlen deutlich schneller, als dies bei Delta der Fall wäre. Wir haben hier also effiziente Möglichkeiten gegen eine Omikron-Welle - wenn alle konsequent mitmachen (würden).
Bei solchen Meldungen werden viele - und da meine ich jetzt nicht primär unser Forum - wieder schreien, dass die Wissenschaftler wohl keine Ahnung hätten und mal dies und mal das sagen würden. Ich sage weiterhin: es ist toll, wie wir der Wissenschaft gerade bei der Arbeit zusehen können. Zahlen betrachten, Hypothesen aufstellen, daraus Prognosen ableiten, diese mit neuen Zahlen verifizieren oder falsifizieren, die Hypothesen anpassen usw., bis sich ein Bild ergibt, bei dem Prognose und neue Zahlen in Übereinstimmung kommen. So funktioniert Wissenschaft - auch wenn das einige Bevölkerungsschichten mit einer Auffassungsspanne von 15 Sekunden oder 140 Zeichen nicht immer verstehen...
Grundlagen für meinen Post:
https://twitter.com/JamesWard73/status/ ... 0936109062
https://twitter.com/alexselby1770/statu ... 79750?s=20